Jens Becker Fotografie

Die Qual der Wahl: Welches Kamerasystem ist das richtige für mich?

Welches System?

Viele Menschen, die sich für Fotografie interessieren, stehen erstmal vor der Frage, welches das richtige Kamerasystem für Sie ist. Und diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten.

In Zeiten der analogen Fotografie waren die Rollen recht klar verteilt. Die Urlaubs- und Gelegenheitsknipser verwendeten zur Dokumentation von Reisen, Familienfeiern, dem Aufwachsen der Kinder u.ä. in der Regel einfache Kameras mit Filmkassetten von Kodak oder AGFA, später Kompaktkameras mit Kleinbildfilmen, was die Bildqualität – richtige Bedienung vorausgesetzt – gegenüber den kleineren Formaten der Filmkassetten spürbar erhöhte. Ambitionierte Amateure und Fotoreporter fotografierten mit Spiegelreflexkameras. Der Vorteil dieser Kameras ist, dass der Fotograf den aufzunehmenden Bildausschnitt durch das Objektiv wählen und die Schärfe auf den entsprechenden Punkt einstellen kann. Bei normalen Sucherkameras befand sich dieser über bzw. neben dem Objektiv. Außer bei Messsucherkameras konnte der Fokus bei diesen Kameras nicht eingestellt werden. (Fixfocus). Professionelle Fotografen, die im Bereich Kunst, Mode Akt, Architektur, Landschaft, etc. unterwegs waren, nutzten in der Regel sündhaft teure Mittel- und Großformatkameras mit Rollfilmen. Aber auch damals galt, dass der wichtigste Faktor für ein gutes Foto hinter der Kamera zu finden war und nicht nur die Technik das Ergebnis bestimmte.

Durch die Digitalfotografie hat sich entscheidendes geändert. Die mittlerweile teils sehr guten Kameramodule von hochwertigen Smartphones versetzen uns in die Lage, immer und überall unser Leben mit Bildern zu dokumentieren und diese über soziale Medien zu kommunizieren. Die meistgenutzte Kamera beim Bildernetzwerk Flikr ist z.B. ein Smartphone. Mittlerweile haben Smartphones einfache Kompaktkameras fast vollständig vom Markt verdrängt.

Bei den sogenannten Kompaktkameras setzen sich mittlerweile immer mehr die hochwertigen Vertreter dieser Kameraklasse durch, die über größer 1“-1,5“ große Sensoren und hochwertige lichtstarke Objektive verfügen. Sie sind oftmals hervorragend ausgestattet und erlauben z.B. die direkte Kommunikation mit einem Smartphone oder Tablet, um die Bilder schnellstmöglich zu teilen. Auch GPS-Empfänger zur Ortsbestimmung haben viele Modelle bereits an Bord.
Eine Sonderklasse unter den Kompaktkameras bilden die Outdoorkameras, die innerhalb eines bestimmten Rahmens gegen Wasser-,Staub-, Sturz-, Schlag- und/oder Temperaturgefahren geschützt sind. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf unserer Lieblingsinsel Korfu mit einem frühen Vertreter dieser Klasse, einer Olympus ins Wasser sprang und mich beim Auftauchen eine österreichischer Tourist mit breitem Wiener Slang empfang „Mann, san sie narrisch??? Mit der Digitalkamera ins Wasser zu springen!“. Das war ein Spaß!
Ich selbst habe mit einer Kompaktkamera, der Canon A70, 2003 den Schritt in die Digitalfotografie gemacht. Heute nutze ich in diesem Segment nur noch die Panasonic DMZ-FT-5, aus meiner Sicht eine der besten Outdoorkameras auf dem Markt.

Durch günstige Einsteigermodelle und den zunehmenden Anspruch von ambitionierten Hobbyfotografen ist in den Anfangsjahren der Markt digitaler Spiegelreflexkameras (DSLR) enorm gewachsen. Die ersten Modelle basierten fast allesamt auf ihren analogen Vorgängern und wurden lediglich mit einem Bildsensor und der dazugehörigen Elektronik und einem Speicherkartenslot nachgerüstet. So basierten frühe, dem Profibereich zugeordnete Modelle wie die Nikon D100, Fujifilm S2/3pro und die ersten Digitalkameras mit Sensoren im Kleinbildformat, die Kodak DCS 14/n und SLR/n noch auf dem Gehäuse und der Technik der Nikon F80.
Die Vorteile von DSLR-Kameras liegen in der Möglichkeit, verschiedene Objektive anzuschließen, in den schnellen Autofokussystemen (Phasen-AF), der hohen Serienbildgeschwindigkeit. Besonders ist zu erwähnen, dass DSLR fast ausschließlich mit APS-C- und Kleinbildsensoren ausgestattet sind, deren größere Sensorfläche eine im Vergleich zu den kleineren Sensoren von Kompaktkameras oder gar Smartphones höhere Bildqualität bieten. Insbesondere in Situationen mit wenig Licht oder bei der Bildgestaltung kommen diese Vorteile besonders zur Geltung. Aufgrund des reichhaltigen Zubehörs wie Blitze, Filter, Fernauslöser, Stativen, etc., welche die Hersteller oder auch Drittanbieter dem Kunden offerieren, spricht man von Kamerasystemen. Die Preisspanne zwischen den Kameragehäusen liegt etwa zwischen ca. 300,00 € für Einsteigermodelle bis zu etwa 7.500,00 € für Profimodelle für Fotoreporter.

Seit einigen Jahren sorgt eine neue Kameraklasse zunehmend für Furore und nicht wenige Fotografen glauben, dass diese sogenannten spiegellosen Systemkameras (DSM) DSLR-Kameras weitgehend ersetzen werden. Im Gegensatz zu DSLR verzichten DSM auf den Klappspiegel und damit auf ein optisches Sucherbild durch das Objektiv. Vorteil ist in erster Linie die kompaktere Bauweise. Es gibt aber auch signifikante Nachteile, die jedoch mit fortschreitender Entwicklung immer weniger bedeutend ausfallen. Viele alten Hasen können sich nicht an die Bildgestaltung mittels Monitor oder digitalem Sucher gewöhnen und ich gebe zu, dass ich mich am Anfang auch mit dem hervorragenden digitalen Sucher meiner Fujifilm X-E2 schwertat. Mittlerweile sind die digitalen Sucher sehr hoch aufgelöst und übertragen das Bild vom Sensor schnell und ohne Schlieren. Das war in der Anfangszeit der DSM nicht so. Ein weiterer Nachteil vieler DSM war und ist der langsamere Autofokus. Bei einer DSLR sitzt das Phasen-AF-Modul im Prismenkasten. Ist der Spiegel heruntergeklappt, fällt Licht auf das Phasen-AF-Modul und ermöglicht das automatische Fokussieren. Der Phasen-AF basiert auf dem alten rein optischen Verfahren der Schnittbildindikation. Hierbei werden zwei Halbbilder erzeugt, die bei richtiger Fokussierung exakt aneinander liegen. Die ursprüngliche Autofokustechnik, die direkt auf den Sensoren eingebaut werden konnte, basiert hingegen auf einer Messung des maximalen Kontrasts an Hell/Dunkel-Kontrastkanten. Diese Methode benötigt immer mindestens zwei Messungen und ist daher grundsätzlich langsamer als der Phasen-AF und insbesondere bei dynamischen Motiven auch nicht so treffsicher. Mittlerweile ist es jedoch gelungen, auch Phasen-AF-Sensoren auf einen Sensor zu bauen. Und auch wenn die Verbesserungen schon sehr gut sind und bei der Fujifilm X-T2 nun auch Sportreportagen zulassen, sind die Phasen-AF-Module der Profi-DSLRs von Canon und Nikon immer noch haushoch überlegen.
DSM gibt es mittlerweile mit verschiedenen Sensorgrößen. Selbst kleine 2/3“-Sensoren werden verbaut (Pentax). Die erfolgreichen Modelle von Nikon (1“), Olympus, Panasonic (Micro-Four-Third), Fujifilm und Sony (APS-C) setzen auf deutlich größere Sensoren. Die Spitze markieren derzeit die DSM von Leica und Sony, die auf Sensoren im Kleinbildformat setzen und bereits viele Profifotografen überzeugen konnten.

Eine Nische besetzen weiterhin digitale Mittelformatkameras, die in der professionellen Fotografie eingesetzt werden. Ihre großen Sensoren ermöglichen Auflösungen, die im Kleinbildformat bisher nicht möglich sind. Größter Vorteil dieser Sensoren liegt jedoch in der Plastizität der Aufnahmen.

Für welches System sich also entscheiden?

Um sich diese Frage zu beantworten, sollte man sich darüber klar werden, was man wo und in welcher Qualität auf den Sensor bannen möchte. Für die reine Dokumentation des eigenen Lebens reicht heute ein gutes Smartphonekameramodul aus. Iphone und Co liefern heute eine bessere Bildqualität als die meisten Kompaktkameras vor fünf Jahren. Für anspruchsvolle Fotoprojekte sollte man zu einer Systemkamera greifen. Ob mit oder ohne Spiegel hängt auch hier vom Einsatzzweck ab. Sport, Action- und Wildlifefotografen werden hier weiter DSLR-Kameras bevorzugen, da es Ihnen auf einen schnellen Autofokus, hohe Batterieausdauer und ein ergonomisches Gehäuse ankommt, welches auch mit großen und schweren Objektiven mit langen Brennweiten gut harmoniert. Bei Street-, People-, Landschaft und Architektur sind heute andere Kriterien entscheidender. Wie muss meine Kamera ausgestattet sein? Was kann sie und was nicht? Welches Zubehör benötige ich? Möchte ich mich z.B. der HDR-Fotografie zuwenden, sollte meine Kamera mit der Funktion einer automatischen Belichtungsreihe ausgestattet sein. Möchte ich Bilder mit Mehrfachbelichtungen komponieren oder entfesselt blitzen? Möchte ich möglichst wenig Gewicht mitschleppen? All dies sollte man vor dem Kamerakauf oder vor der Entscheidung für ein System bedenken. Bei der Entscheidung hilft einem heute das Internet und seine zahlreichen Foren, Testseiten, etc.. Entscheidend ist aber immer noch das persönliche Ausprobieren, welches i.d.R. nur Fachgeschäfte bieten. Einfach mal hingehen und die in Frage kommenden Modelle in die Hand nehmen. Und dazu meine klare Meinung: Dann bitte auch dort kaufen!

Da ich selbst fotografisch sehr breit aufgestellt bin, benutze ich mehrere Kamerasysteme für unterschiedliche Aufgaben. Wie und warum erfahrt Ihr in dem Beitrag „Meine Ausrüstung”!

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